Ein sonnendurchfluteter Wald.
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Symbolbild

Nationalpark-Debatte im Kreis Siegen-WittgensteinErfahrungen aus bestehenden Nationalparks: Chancen und Risiken für Handwerk

Kommt in Teilen des Kreises Siegen-Wittgenstein ein Nationalpark oder nicht? Am 13. November soll im Siegener Kreistag darüber abgestimmt werden, ob der Kreis zusammen mit dem Land NRW in die weiteren Planungen für einen Nationalpark einsteigt. Um die Perspektive des Handwerks in die Diskussion einzubringen, führt die Handwerkskammer Südwestfalen eine Umfrage unter den Betrieben im Kreis Siegen-Wittgenstein durch. Gleichzeitig können auch die Erfahrungen aus bereits existierenden Nationalparks wertvolle Hinweise geben.

Dr. Manuel Woltering forscht an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg unter anderem zu Wirtschaftsgeographie, Schutzgebietsmanagement und Regionalökonomie und hat an mehreren Forschungsprojekten zu den regionalökonomischen Effekten des Tourismus in Natur- und Nationalparks sowie Biosphärenreservaten mitgearbeitet. Im Interview spricht er darüber, was die Erfahrungen aus bestehenden Nationalparks für Effekte auf die dortige Wirtschaft und das Handwerk zeigen.

Porträtfoto von Dr. Manuel Woltering, Akademischer Oberrat an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Dr. Manuel Woltering/Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Was können erfahrungsgemäß Chancen für Handwerksbetriebe im Einzugsgebiet eines Nationalparks sein?

Dr. Manuel Woltering: Nationalparks können über den Tourismus zusätzliche Nachfrage in einer Region erzeugen. Diese beschränkt sich nicht auf Gastronomie und Beherbergung: Untersuchungen zeigen auch regionale Nachfrageeffekte durch Vorleistungen und Investitionen im Aufbau der notwendigen Infrastrukturen eines Nationalparks, von denen unter anderem örtliche Handwerksbetriebe profitieren können. Das fängt zum Beispiel beim Wegeaus- und -rückbau mitsamt der notwendigen Beschilderung an und hört bei einem möglichen Nationalpark-Infozentrum auf. Darüber hinaus könnte im Zuge eines sich entwickelnden Tourismus in der Region ebenfalls das Baugewerbe positive Effekte feststellen, indem sich im Zeitverlauf ein entsprechendes Angebot im Gastgewerbe entwickelt. Ein automatischer oder gleichmäßiger Effekt auf alle Handwerksbetriebe lässt sich daraus jedoch nicht ableiten.

Was können erfahrungsgemäß Risiken für Handwerksbetriebe im Einzugsgebiet eines Nationalparks sein?

Das betrifft wohl in erster Linie holzverarbeitende Betriebe, allen voran lokale Sägewerke, die den Wegfall des örtlichen Holzeinschlags ggf. nicht sinnvoll kompensieren können. Davon sind vor allem kleine Unternehmen betroffen, da ab einer gewissen Größe in der Regel ohnehin ein größerer Einzugsbereich vorliegt. In solchen Fällen kann der Wegfall der Nationalparkflächen häufig aus anderen Regionen ohne größere Einbußen kompensiert werden.

Profitiert der Wirtschaftsstandort von der Ausweisung eines Nationalparks generell? Sind das einseitige Effekte für bestimmte Branchen (etwa Tourismus und Gastronomie) oder können auch andere Branchen profitieren?

Neben den bereits angezeigten Handwerksbetrieben im Zuge investiver Maßnahmen ist sicher zuvorderst der Tourismus als Profiteur zu benennen. Neben dem Gastgewerbe können dies dann aber auch vor- und nachgelagerte Bereiche sein, weshalb der Tourismus auch als sogenannte Querschnittsbranche bezeichnet wird.

Können lokale Handwerksbetriebe von dem Image der Marke „Nationalpark“ profitieren?

Da ein Nationalpark vor allem für strengen Naturschutz steht („Natur Natur sein lassen“), ergeben sich dadurch nur eher bedingt Imagepotenziale für das lokale Handwerk. Denn ein Nationalpark per se bietet kaum Nutzungsmöglichkeiten, anders als zum Beispiel ein Biosphärenreservat mit seinem Konzept nachhaltiger Lebensweisen. Da gibt es bereits gute Beispiele für Synergien zwischen den Schutzgebieten und örtlichen Unternehmen.

Haben bei bestehenden Nationalparks Holzhandwerke negative Effekte erfahren, etwa durch den Wegfall von Nutzholz-Ressourcen?

Für die Forst- und Holzwirtschaft wurden solche Opportunitätskosten untersucht. Am Beispiel des Nationalparks Bayerischer Wald wurden Wertschöpfungsverluste durch entfallende Holznutzung einer durch den Nationalparktourismus erzeugten Wertschöpfung gegenübergestellt. Für einzelne Betriebe können dadurch durchaus Nutzungsmöglichkeiten entfallen; eine pauschale Aussage über die Betroffenheit des Holzhandwerks insgesamt lässt sich daraus aber nicht ableiten.

Kann die Ausweisung eines Nationalparks Auswirkungen auf Infrastrukturprojekte haben, etwa Straßenbauprojekte?

Sofern es den Nationalpark selbst betrifft, so ist hier normalerweise eine großflächiges Nutzungsverbot angezeigt. Folglich werden auf der Fläche eines Nationalparks sicher keine neuen Infrastrukturprojekte realisiert. In den bestehenden Gebieten in Deutschland gibt es aber teilweise Ausnahmen hinsichtlich bestehender Nutzungen, so zum Beispiel teilweise für Weideflächen. Holz- oder andere Nutzungen sind gegebenenfalls mit Übergangsfristen nach und nach aufzugeben, um einen strukturellen Wandel der Region zu ermöglichen.